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Bedeutung von Ethnizität und Religion im syrischen Bürgerkrieg

25. September 2016 - Internationales

Anfang September hatten sich US-Außenminister Kerry und sein russischer Kollege Lawrow auf eine Feuerpause für Syrien geeinigt. Dass dieses Unterfangen von Anfang an kaum erfolgversprechend war, überrascht wenig. Zwar konnte und kann die russische Seite Ihren Einfluss auf das Assad-Regime geltend machen, auf US-Seite gestaltet(e) sich die Sache jedoch schwieriger, da zu viele unterschiedliche Gruppierungen gegen das Assad-Regime kämpfen und die USA nur eingeschränkte bis gar keine Kontrolle über diese haben. Verbündete Milizen des syrischen Militärs verkomplizieren die Lage zusätzlich. Der IS als einer der großen Kriegsparteien ist bei diplomatischen Versuchen ohnehin außen vor.

Ethnische und religiöse Segmentierung Syriens

Den syrischen Bürgerkrieg als einen politischen Konflikt zu verstehen greift deutlich zu kurz. Ethnische wie religiöse Bruchlinien prägen die Auseinandersetzungen und werden es sehr schwer machen, überhaupt eine friedliche Lösung herbeizuführen. Ohne ein Verständnis der ethnischen und religiösen Komponenten sind Friedensbemühungen jedoch vollends vergebens.

Die obige Grafik zeigt die ethnische Zusammensetzung der syrischen Bevölkerung. Während die Kurden als Bürgerkriegspartei eine vergleichsweise homogene Gruppe bilden, spaltet sich der arabische Bevölkerungsanteil auf unterschiedliche Seiten auf. Die unter "Andere" zusammengefassten Ethnien beinhalten u.a. Turkmenen, Tscherkessen, Aramäer und Assyrer. Diese Minoritäten kämpfen im wahrsten Sinne des Wortes ums nackte Überleben, teils durch den Versuch die eigenen Siedlungsgebiete selbst zu kontrollieren, teils durch den Anschluss an eine der größeren Parteien oder Schutzmächte (Turkmenen) oder schlicht durch Flucht (Tscherkessen).

Ist die ethnische Zusammensetzung Syriens relativ überschaubar, so ist die religiöse Segmentierung deutlich ausgeprägter:

Das Assad-Regime rekrutiert sich in erster Linie aus der Konfeesion der Alawiten. Christen, Juden, Schiiten und andere - z.B. Jesiden, Drusen - nicht der sunnitischen Ausrichtung des Islam zugehörige Gläubige tendieren mehrheitlich zum Assad-Regime. Der Hauptgrund dürfe sein, dass diese Minderheiten unter Assads säkular orientierter Herrschaft weitestgehend unbehelligt leben konnten und das Regime einen Schutz vor sunnitisch domminierten Fundamentalismus bot. Der Bürgerkrieg hat deutlich gezeigt, welche Konsequenzen der teilweise Wegfall dieses Schutzes bedeutet.

Vertreibungen, Anschläge und Massaker mit religiösen Hintergründen waren bisher vor allem das Schreckenszeichen des IS. Erinnert sei z.B. an das Schicksal der Jesiden. Durch die inzwischen - abgesehen von den Kurden - weit fortgeschrittene Islamisierung der oppositionellen Kräfte wird sich die Lage der religiösen Minderheiten weiter verschlechtern. So geht man davon aus, dass seit Ausbruch des Bürgerkrieges bereits weit über ein Drittel der syrischen Christen inzwischen im Exil lebt. Selbst den mit dem Westen mehr oder minder verbündeten Kurden werden ethnische Säuberungen  vorgeworfen.

Westliches Denken führt zu falschen Schlüssen

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass sich hinter dem meist als politisch wahrgenommenen Konflikt ein komplexer zwischen Ethnien und Religionen geführter Krieg verbirgt. Den syrischen Bürgerkrieg mit westlich-europäischer Einstellung zu Ethnizität und Religion verstehen zu wollen, führt zwangsweise zu in der Praxis völlig untauglichen Ideen, die sich schlimmstenfalls gegen eine oder mehrere der genannten Minderheiten wenden.

Ein Beispiel soll die Thematik verdeutlichen. Schiiten wie Sunniten sind beide der islamischen Religionsgemeinschaft zuzuordnen. Das Zusammenleben der beiden Konfessionen mit dem heutigen Selbstverständnis von Katholiken und Protestanten in Europa vergleichen zu wollen wären jedoch fatal. Stellen Schiiten für strenggläubige Sunniten doch schlimmste Häretiker dar, die es noch mehr zu bekämpfen gilt, als andere Ungläubige wie z.B. Christen.

In der innerislamischen Welt wurden und werden immer wieder blutigste Anschläge, Massaker und gar Kriege zwischen Anhängern dieser beiden Konfessionen geführt. Aktuelle Beispiele sind der Jemen, Afghanistan oder der Irak.  

Davon auszugehen diesen über Jahrhunderte geführten Glaubenskrieg - der wie oben aufgeführt auch in Syrien zum Tragen kommt - einfach und schnell aus der Welt räumen, entspricht schlicht und einfach nicht den gegebenen Realitäten.

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